1.EINLEITUNG
Lesezeit: 1.5 Minuten
Das Gefühl, daheim zu sein
Was löst die Aussage „zu Hause – daheim zu sein“ in uns aus? Sie lässt bei jedem Menschen spontan Gefühle und Gedanken aufleben, die je nach Lebenssituation und Lebensgeschichte sehr unterschiedlicher Natur sind. Sie können von einem Gefühl friedvoller Geborgenheit bis hin zur nostalgischen Sehnsucht nach einem verlorenen Zuhause in der fernen Heimat reichen.
Als Symbolbild für diese Thematik habe ich aus vielfältigen Gründen die Schildkröte gewählt. Auf dem Bild links ist meine Raku-Schildkröte von Jeremy Diller aus Kalifornien zu sehen, mit eingeritzten Symbolen eines Segens- und Schutzwunsches; rechts meine unternehmungslustige griechische Landschildkröte „Kleopatra“.
Was können uns die Schildkröten vorleben?
Die Schildkröte gehört zu einer der ältesten heute noch existierenden Reptiliengruppen. Erste Vorfahren dürften vor über 200 Millionen Jahren aufgetaucht sein und damit etwa so alt sein wie die frühesten Dinosaurier. Warum konnte sie so lange überleben, und was begründet ihre extreme Langlebigkeit? Etwas muss sie wohl richtig machen – was können wir von ihr lernen?
Ihre kosmologische Rolle
Kein Wunder, dass sie seit jeher in vielen Weltkulturen eine symbolische Bedeutung hat. So wird sie unter anderem als Abbild des Kosmos gesehen. Der runde Panzer repräsentiert die Weltkuppel, die flache Unterseite die stabile, tragende Erde. Damit wird sie zum Bindeglied kosmischer Sphären. Sie kann sowohl im Lebensraum Wasser als auch an Land überleben und wird daher symbolisch zum Grenzwesen.
Das Zuhause als innerer Zustand
Sie trägt ihr sicheres Zuhause mit sich: Ihr Panzer ist eine mobile Heimat, unabhängig von einem externen, festen Ort. Das Zuhause ist im Hier und Jetzt integriert; Sicherheit entsteht aus dem eigenen Zustand von Stabilität, Tragfähigkeit und Genügsamkeit. Ihr Panzer ist kein externes Gehäuse wie etwa das Schneckenhaus, sondern Teil ihres Skeletts. Das Zuhause der Schildkröte ist nicht etwas, das sie als Ziel erreicht, sondern eine gelebte Gegenwärtigkeit.
Longevity Symbol
Zu ihrer Überlebensstrategie gehören ausgedehnte Ruhephasen und Langsamkeit. Sie reduzieren den Energiebedarf, begünstigen Langlebigkeit und erzeugen den Eindruck von Zeitlosigkeit. Abgrenzung und Rückzug nach innen sind zum Überleben jederzeit möglich. Wie bei der Schildkröte wird das „Zuhause“ damit zum metaphorischen, inneren Zustand, charakterisiert durch Geborgenheit und ein Gefühl, ganz bei sich und im Augenblick angekommen zu sein.
2.WORUM GEHT ES?
Lesezeit: 2 Minuten
Kernaussagen in Melanies Botschaften
Der Autor steht selbst im hohen Alter und hat die vielschichtigen Herausforderungen dieser Lebensphase am eigenen Leib erfahren. Die Botschaften von Melanie wollen uns ermutigen, den Blickwinkel zu erweitern und zu verschieben: weg von den Defiziten, hin zu Chancen und Neuem – zu innerem Wachstum, existenzieller Vertiefung und persönlicher Transformation.
Dankbar fürs Altsein
An erster Stelle steht die Dankbarkeit für die Gnade, alt zu sein und zu sich selbst heimkehren zu dürfen: «Es ist Zeit, harten Wettstreit und ehrgeizige Erwartungen hinter sich zu lassen, um heimzukehren – heim zu dir selbst.» (S. 15) Denn «im Lebensalter ist das hoffnungsvolle Ziel: dein Heimweg!» (S. 17) Wir erwarten das Glück nicht irgendwann in der Zukunft, sondern können erleichtert sagen: «Ziel erreicht, zuhause im Hier und Jetzt.» Ein innerer Seinszustand, der uns die Freiheit gibt, wir selbst zu sein und keine Rollen mehr spielen zu müssen. Dank vertrauter Umgebung und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft empfinden wir emotionale Wärme gegenüber wichtigen Menschen und fühlen uns geborgen.
Chance zum Loslassen und freien Gestalten
Im Vordergrund der Botschaften steht als Zweites die Chance des Loslassens und der Freiheit zur inneren Gestaltung. «Rückzug und Engagement im Alter: Du wirst immer mehr zum stillen Beobachter der äusseren Welt und zum aktiven Gestalter deiner inneren Welt – das ist gut so.» (S. 16) Es ist nach meiner Erfahrung ein langer und anspruchsvoller Prozess, der Mut und Ausdauer verlangt. Melanie schreibt: «Du hast dich von gewaltigen Lasten befreit, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr: Nun endlich bist du bei dir angekommen – und nun? Bleib bei dir!» (S. 16)
Nun haben wir die Freiheit, darüber zu entscheiden: Was ist gut für uns – was nicht? Was zählt im Leben, im Hier und Jetzt? «Leistungen, auf die du im Leben einmal mächtig stolz warst, verblichen in der Erinnerung, verloren Glanz und Bedeutung. Was dich im Alter mit tiefem Sinn erfüllt und uns verbindet, ist die Kraft zur Selbstbestimmung, zur Einkehr ins Bewusst-Sein im Jetzt.» (S. 19)
Langlebigkeit dank Langsamkeit
In Verbindung mit der Metapher der langlebigen Schildkröte stehen an dritter Stelle die Langsamkeit und das Stehenbleiben. «Im Alter zu entschleunigen, wird zur grossen Herausforderung. Im Schritttempo hebt sich Standort und Umgebung klarer und eindeutiger ab: Du erkennst, wo du bist, statt wohin du willst.» (S. 18) Der Gewinn ist lohnend und verspricht viel: «Je grösser der Tiefgang, desto bedächtiger bewegt sich der Lebens-Dampfer fort: geniesse die Ruhe, den inneren Frieden auf Deck, den Gehalt der Gedankenfülle – im gelassenen Sein.» (S. 17)
Frieden – in uns selbst
Weshalb die Eile, um bloss noch rascher auf dem Friedhof zu sein? «… im Hier und Jetzt präsent, in Zeit und Raum aufgehoben, mit Allem verbunden – in diesem Hort bist du friedlich in den Tag eingebettet.» (S. 19) Haben wir den Frieden in uns selbst gefunden, können wir – in dieser rast- und friedlosen Zeit – vielleicht ein Tropfen der Hoffnung für andere sein, am Ursprung eines sich ausbreitenden Welleneffekts.
3. MINI-IMPULS UND PRAKTISCHE ANWENDUNG
Lesezeit: 3 Minuten
Turtle-Walk: Langsam werden, ohne stehen zu bleiben
Es erscheint auf den ersten Blick logisch, dass wir stillstehen müssen, um sagen zu können, das Ziel erreicht zu haben und uns im Hier und Jetzt zu Hause zu fühlen. Es ist die «Stopp-Routine», die wir in Blog 1 und 2 als Mini-Impuls beschrieben haben, um zu uns selbst zu finden.
Diesmal wählen wir ein langsames Gehen in der Natur – ich nenne es den Turtle-Walk. Ausgangspunkt bildet eine paradoxe Botschaft von Melanie: «…du bist immer unterwegs – und immer zu Hause» (S. 15), eine Aussage, die im alltäglichen Verständnis widersprüchlich erscheint.
Das Leben als Weg: immer unterwegs – immer zu Hause
Existentiell sind wir im Leben ständig in Bewegung: Lebensphasen, Abschiede, Krisen, Neuanfänge oder Beziehungen verändern und entwickeln uns fort. Die Botschaft besagt: Wir sind äusserlich immer unterwegs, ohne jemals ganz anzukommen, und gleichzeitig innerlich zu Hause – geborgen bei uns selbst, als innerer Zustand. Gleichsam sind wir Teil eines grösseren Ganzen im Kosmos. In der mythologischen Deutung der Schildkröte bedeutet dies: immer zu Hause zwischen Himmel und Erde. Das «Zuhause», die innere Heimat, tragen wir gleichsam in uns.
Das Ziel erreicht: Wo das Herz zuhause ist
Weil wir diese Verbundenheit mit dem Leben, eine tiefere Zugehörigkeit zu etwas, das über das eigene Ich hinausgeht, gefunden haben, können wir sagen: Ziel erreicht. In den Worten von Melanie: «Im Alter geduldig wach sein, lohnt sich allemal: im Hier und Jetzt präsent, in Zeit und Raum aufgehoben, mit Allem verbunden – in diesem Hort bist du friedlich in den Tag eingebettet.» (S. 19)
Wie verbinden wir nun das Erlebnis von Bewegung mit der Ein-Sicht, «in Zeit und Raum aufgehoben zu sein» – äussere Bewegung ohne Rastlosigkeit, innere Heimat ohne Stillstand?
Naturverbindung als bewusste Beziehung
Der Turtle-Walk ist eine Erfahrung in der Natur, sei es im nahen Park, im Wald, am See oder entlang eines Flusses. Es geht nicht darum, die Natur als etwas Äusseres zu betrachten, sondern sich selbst als Teil der natürlichen Umwelt zu erfahren. Der Vorsatz lautet demnach nicht: «Ich gehe in die Natur, um sie zu erleben», sondern: «Ich erfahre Natur und bin Teil davon.»
«Kopf-Radio» abstellen: Was dabei in uns geschehen kann
Vorerst müssen wir resolut das «Mobile Phone» und das «Radio im Kopf» abstellen, die uns ununterbrochen mit Stories versorgen und ablenken. Erst dann kann eine sinnliche Verbindung entstehen, indem wir die Natur ganz bewusst über Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und teilweise auch Schmecken wahrnehmen – beispielsweise die leuchtenden Herbstfarben, den Wind, den schrillen Ruf einer Krähe, den Geruch von Harz, das feuchte Moos an einem Baumstamm, die vielfältigen Geräusche im Wald oder den Geschmack einer Walderdbeere.
Über die Zeit kann eine emotionale Verbindung entstehen – in Form einer persönlichen Beziehung zu einem Ort, einem Felsen, einem Baum, zu Landschaften, Ausblicken, Pflanzen oder Tieren.
Tiefe Verbindung mit der Natur – ich bin Natur
Zudem verbindet sich die körperliche Erfahrung der Bewegung mit einer inneren Verbindung zur Natur. Langsames, bewusst konzentriertes und ruhiges Gehen kann die Natur zu einem Raum für Selbstwahrnehmung, Reflexion und innere Ruhe werden lassen. So lassen wir uns zum Beispiel vom tieferen Sinn der Jahreszeiten berühren, vom Werden und Vergehen, und erkennen die eigene Verbundenheit mit den natürlichen Kreisläufen von Leben und Endlichkeit.
Wir sind biologisch, physikalisch und ökologisch untrennbar mit unserer Umwelt verbunden. Wir atmen die Atmosphäre, trinken Wasser, essen Pflanzen und Tiere, bestehen aus denselben chemischen Elementen wie die übrige Natur und geben diese Elemente wieder an sie zurück.
Spirituelle Dimension?
Für manche Menschen entsteht dabei ein Gefühl von Ehrfurcht und Dankbarkeit – verbunden mit der Erfahrung, in diesem Raum das «Ziel erreicht» und im «Hier und Jetzt zu Hause zu sein».
In den Worten von Melanie: «Bewusstes Sein kann die Zeit zum Stehen bringen, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, in welchem du ihre Unvergänglichkeit er-fassen und er-leben kannst.» (S. 16)

